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Frage der „Integration“ und „des Islam“

Debatten über ‚den Islam‘ beobachte ich nun (leider) schon eine ganze Weile. Sie kehren mit wirklich nur minimalen Varianten immer wieder, plakativ geht es um Integration, Kopftuch, Islamfeindlichkeit, Antisemitismus

Seit ich auf Twitter bin, sehe ich mir an, welche Hashtags so benutzt werden – nicht nur, um über bestimmte Themen zu reden und damit sichtbar zu sein, sondern um bestimmte Positionen zu pushen wie etwa bei #Worldhijabday vs. #WorldNOhijabday. Die Frage der ‚Verhüllung‘ taucht besonders häufig auf. Sie polarisiert offensichtlichst am meisten, in Deutschland gerade unter #nichtohnemeinKopftuch.

Unter #Islam habe ich schon einiges gezwitschert, zur ‚Kopftuch-Frage‘ konkret bislang nur zur Situation der Frauen im Iran, die das Kopftuch ablegen und deshalb verhaftet werden, zum Heft „Der Islam“ für Kinder des „Spiegel“ (schon 2016), das ein viel zu junges Mädchen mit Kopftuch zeigt, und zum Streit über die Katjes-Werbung, die mit einem Model mit Kopftuch angeblich Muslima ansprechen wollte (alles leicht zu googeln, deshalb verlinke ich das nicht extra hier). Für mich kann sich die Frage nicht darum drehen, ob man für oder gegen ‚das Kopftuch‘ ist, denn das ist viel zu pauschal. Ich bin selbstverständlich gegen jede Art von Verhüllungszwang, wie er etwa im Iran staatlich verordnet wird, und genauso klar natürlich gegen jede Art von ’sanftem‘ Druck etwa durch Familienmitglieder, Gemeinde etc., kurz, gegen alle, die denken, sie könnten Frauen vorschreiben, wie sie sich zu kleiden und wie sie ihren Glauben zu leben haben. Ich bin also, um es positiv und genauer zu formulieren, dafür, dass jede Muslima als Privatperson frei entscheiden kann, wie sie ihre Religion lebt und ob dazu auch das Tragen eines Kopftuches gehört.

Für die Diskussion über die Katjes-Werbung bedeutete das, dass ich diese Werbung schlecht fand, aber nicht, weil sie ein Kopftuch-Model zeigte. Genau dafür nämlich wurde diese Werbung einerseits extrem angefeindet und andererseits gefeiert, und ich fand beides falsch.
Die Begründung von Katjes lautete, dass mit dieser Werbung Muslima angesprochen werden sollen. Nun, natürlich gibt es Muslima, die Kopftuch tragen, aber eben auch viele, die keines tragen. Wenn man Muslima als Zielgruppe ansprechen will, ist es also nicht unbedingt logisch, mit einem Kopftuch-Bild zu werben. Darf man Models mit Kopftuch zeigen? Klar! Aber die Botschaft darf nicht lauten, dass nun mit diesem Kopftuch-Model endlich auch muslimische Frauen angesprochen werden, denn das bedeutet im Umkehrschluss, dass das vorher bei Models ohne Kopftuch nicht der Fall gewesen sei. Diese Werbung ist für mich gerade kein Beispiel für die angeblich selbstverständliche Integration von Minderheiten, sondern eine verfehlte Bildpolitik, da sie im Zusammenhang mit der Botschaft ‚jetzt auch für Muslima‘ ein ganz bestimmtes Bild, wie Muslima ihre muslimische Identität zu leben habe, vermittelt – das wirkt implizit normativ.
Aus genau diesem Grund fand ich auch das Titelbild des kleinen Mädchens mit Kopftuch unter der Überschrift „Der Islam“ des „Spiegel“ fatal, denn es vermittelt, dass Muslima Kopftuch tragen und hier sogar mit einem wirklich viel zu jungen Mädchen, was nur ein absolute Minderheit von Muslimen überhaupt befürwortet. Mir ist klar, dass „Der Spiegel“ das ‚gut gemeint‘ hat: Das kleine lächelnde Mädchen, das sich offenbar wohl fühlt, soll für eine selbstverständliche Anerkennung des oft angefeindeten Kopftuches stehen. Tatsächlich normalisiert das Titelbild aber radikal-fundamentalistische und misogyne Einstellungen.

Das scheint jetzt so, als wollte ich hier alles aufschreiben, was ich auf Twitter nicht unterbringe. Dass Kürze auf Twitter Trumpf und Pflicht zugleich ist, finde ich aber durchaus okay: Ich möchte ein paar Bücher vorstellen, die ich beim Nachdenken über Debatten-Themen wie Kopftuch oder Integration für wirklich gute GesprächspartnerInnen halte. Deshalb werde ich in den nächsten Wochen hier regelmäßig einen Lesetipp geben, wichtige Einsichten mit ein paar Zitaten unterfüttern und einige offene Fragen formulieren, die sich mir bei der Lektüre stellten und über die ich weiter nachdenken möchte.

Die ersten beiden sind:
Isolde Charim: Ich und die Anderen. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert. Wien 2018. Diesen Titel sähe ich gerne als Pflichtlektüre für alle, die im Heimatministerium arbeiten!

und: Sineb El Masrar: Emanzipation im Islam – eine Abrechnung mit ihren Feinden. Freiburg, Basel, Wien 2016.

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